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Meldungen SV Stralsund im Detail


Rede zum Holocaust-Gedenktag von Herrn Dr. Jan Armbruster an der Gedenkstätte Stralsund Krankenhaus-West

Sehr geehrte Gäste,

wir haben uns hier versammelt, um den mehr als 1.000 Menschen zu gedenken, die im vergangenen November und Dezember vor 80 Jahren im Rahmen des NS-„Euthanasie“-Programms aus diesem Krankenhaus deportiert und in der Folge überwiegend getötet wurden. Insgesamt betraf das in der NS-Zeit etwa 300.000 Menschen, psychisch Kranke und Behinderte, die als „Ballastexistenzen“ und „lebensunwertes Leben“ diffamiert und ermordet wurden. 400.000 Menschen wurden gegen ihren Willen sterilisiert, weil man sie als „erbbiologisch minderwertig“ klassifizierte.

Im letzten Jahr haben wir hier einen bewegenden Gedenkgottesdienst abgehalten, in dem wir anhand von Briefen und Dokumenten besonders das individuelle Leid der Betroffenen und ihrer Angehörigen in den Mittelpunkt gestellt haben. In diesem Jahr möchte ich einen Bezug zur Gegenwart herstellen. Denn immer wieder höre ich die Frage, ob ein Gedenken nach so langer Zeit noch erforderlich sei. Meine Antwort laut: Ja! Und vielleicht mehr denn je.

Denn betrachtet man die heutige Politik, so zeigt sich, dass der Populismus weltweit Zulauf erhält. Unser Bundespräsident, Frank-Walter Steinmeier, hat letzte Woche in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in einer beindruckenden Rede gesagt: „Die bösen Geister zeigen sich heute in neuem Gewand.“ Er beklagte weltweit bröckelnde Grundsätze bezüglich der Stabilität der Demokratie, der Entschlossenheit im Kampf gegen Nationalsozialismus und völkisches Denken, der Front gegen Antisemitismus.

Und eugenisch-völkisches Denken hat inzwischen auch einen Platz im Deutschen Bundestag gefunden, wenn die Fraktion der AfD 2018 mit zwei kleinen Anfragen zu Schwerbehinderten und zur Entwicklung mehrerer Krankheiten in Deutschland versucht hat, die Ursachen und die Zunahme der Häufigkeit von Behinderungen und Infektionskrankheiten in Deutschland einseitig mit der Einwanderung von Flüchtlingen und dem Fortpflanzungsverhalten von Menschen mit Migrationshintergrund - gemeint sind hier Verwandtenehen - in Verbindung zu bringen, denn statistisch lag der Teil angeborener Schwerbehinderungen 2015 lediglich bei 3,8 %, nur ein Teil davon ging auf spezifisch genetische Ursachen zurück, wobei hier wiederum Verwandtenehen nur in verschwindend geringem Prozentsatz vorkamen. Angesichts solcher demagogischer Stigmatisierung von Menschengruppen kann man nur mit dem Bundespräsidenten sagen: „Es sind nicht dieselben Täter. Aber es ist dasselbe Böse.“

Aber auch bei der Beantwortung aktueller Fragen in Medizin und Bioethik sollte die mit der Erinnerung verbundene historische Verantwortung im Blick bleiben, um Tendenzen, das Lebensrecht bestimmter Menschengruppen nicht umfassend zu schützen, bzw. Tendenzen zu biologischer Auslese entgegenzuwirken. Dies betrifft beispielweise die Frage der gesetzlichen Legitimation des ärztlich assistierten Suizids, die Frage der Präimplantationsdiagnostik mit einer Selektion angesichts der Entscheidung über Weiterentwicklung oder Verwerfung von Embryonen wie auch die Frage der Perinataldiagnostik.

Gerade hinsichtlich der Perinataldiagnostik findet sich mit der Entscheidung des gemeinsamen Bundesausschusses vom September letzten Jahres, dass vorgeburtliche Bluttests zum Vorliegen der Trisomie 21 bei Risikoschwangerschaften künftig als Krankenkassenleistung angeboten werden sollen, einer aktueller Bezug. Dabei handelt es beim Down-Syndrom um eine genetische Variante und nicht um eine Krankheit, die zu behandeln ist. Und auch wenn die Untersuchung damit einerseits einkommensunabhängig zu Verfügung steht, dienen die Tests doch der Selektion, denn in den meisten Fällen, bei denen Trisomie 21 festgestellt wird, erfolgt eine Schwangerschaftsunterbrechung.

Gleichzeitig findet sich damit verbunden eine subtile Tendenz, Schwange dafür verantwortlich zu machen, ein entsprechend der medizinischen Möglichkeiten gesundes Baby bekommen zu sollen. Dies bestätigt sich in einer Studie, nach der sich 72 % der befragten Mütter und 100 % der befragten Väter eines Kindes mit Down-Syndrom nach der Geburt kritisch mit der Frage konfrontiert wurden, warum man keine pränatale Diagnostik in Anspruch genommen hätte. Matthias Thieme, Vater eines Kindes mit Down-Syndrom, kritisiert hier auch die Politik: „Wir schützen die Sumpfschildkröte und den Feldhamster, die Hornotter und die Rotbauchunke per Gesetz, aber bei unserer eigenen Spezies sind wir nicht mehr ganz so sicher, wer noch dazugehören soll, wer gesund und effizient genug ist.“ Bleibt zu erwähnen, dass während des Nationalsozialismus auch viele Menschen mit Down-Syndrom vom sogenannten „Euthanasie“-Programm erfasst wurden.

Insgesamt lehrt die Geschichte von NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisation, wie schrittweise Grenzverschiebungen in Bezug auf den unbedingten Schutz menschlichen Lebens auf Grundlage pseudowissenschaftlicher Erkenntnisse in ihrer Radikalisierung in einen systematischen Massenmord unschuldiger Menschen führen können. Auch vor diesem Hintergrund steht im Grundgesetz der Bundesrepublik der Schutz der Menschenwürde an erster Stelle. Deshalb gilt es den Anfängen zu wehren.
Aus diesem Grunde stehen wir hier, um auch nach 80 Jahren der Toten zu gedenken und deshalb darf es auch kein Ende der Erinnerung geben. Michael Friedrichs-Friedlaender hat gesagt: „… Wir sind nicht dafür verantwortlich, was die Nazis angerichtet haben. Aber wir tragen dafür Verantwortung, was wir aus der Geschichte machen.“ Mit dem heutigen Gedenken übernehmen wir hier einen Teil dieser Verantwortung. Ich danke Ihnen für Ihr Kommen und Ihre Unterstützung.

Ich bitte Sie jetzt um eine Schweigeminute.

Dr. med. Jan Armbruster, Leitender Oberarzt im Fachbereich Forensische Psychiatrie und Psychotherapie des Helios Hanseklinikum Stralsund